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Reinhold Albert

Wie unsere Häuser einst errichtet wurden

 

„Ein Lebe Hoch nach Sitt' und Brauch,

dem ganzen Zimmerhandwerk auch!“

Einleitung:

Eingangs seien dem Verfasser einige persönliche Einleitungsworte gestattet. Als ich vor einigen Jahren meine Sammlung historischer Fotografien aufbaute, entdeckte ich auch drei Aufnahmen, die beim Aufbau meines Elternhauses 1930 entstanden. Mein mittlerweile verstorbener Großvater August Albert erzählte wiederholt, das Haus hätten Riether und „Alberschhäuser“ (Albingshäuser) Zimmerleute errichtet. Kontakte zu den Zimmerleuten machte der unselige „Eiserne Vorhang“ über viele Jahrzehnte unmöglich.

Nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze traf ich zufällig in unserer thüringischen Nachbargemeinde Rieth den damals 84jährigen Otto Oehrl. Beiläufig erzählte er, dass er in Sternberg u.a. am Ortsende in Richtung Alsleben 1930 ein Haus (wie sich herausstellte, mein Elternhaus) mit errichten half. Die Überraschung war groß. Wir setzten uns zusammen und so entstand mit Unterstützung seines Sohnes Klaus und meiner Tante Irmgard Silbersack der nachfolgende Bericht über den Bau eines bäuerlichen Fachwerkhauses in alter Zeit. Überaus großen Seltenheitswert besitzen die drei Aufnahmen, die beim Richtfest dieses Hauses entstanden.

Bauernhaus im Mittelpunkt der Dorfgemeinschaft

Im Mittelpunkt der Familiengemeinschaft in unseren Dörfern stand früher das Bauernhaus. In keiner Volksschicht hat das Haus als Eigenbesitz eine solche Bedeutung, wie beim Bauern. Arbeiter, Handwerker und Beamte können sich eine Wohnung mieten, der Bauer muss ein Haus besitzen. Es bedeutet für ihn mehr als bloßer Wohnraum. Nach Größe und Einrichtung war es ganz dem Familienbesitz an Äckern und Wiesen angepasst. Diese Bindungen waren so ausgeprägt, dass bei Vererbungen und Verkäufen Haus und Feld in der Vergangenheit in den seltensten Fällen einmal getrennt vom zugehörigen Landbesitz verkauft wurden. Es ist vorgekommen, dass Bauern in Notlagen Äcker und Wiesen verkauft haben, das Haus hat selten einer preisgegeben.

Der Bedeutung des Hauses im bäuerlichen Leben entspricht auch die Wichtigkeit, die der einzelne Bauer und die ganze Dorfgemeinschaft der Errichtung eines neuen Hauses seit alters beigemessen haben. Mit sinnbildlichen Segenshandlungen aus der volkhaften Glaubenswelt hat man dieses Ereignis stets umgeben, und manche Reste haben sich bis in die heutige Zeit erhalten.

Ein Handwerker, der viele solcher stolzer Bauernhäuser mit errichten half, war der Zimmermann Otto Oehrl aus Rieth. Er war in den zwanziger und dreißiger Jahren an zahlreichen Neubauten in Sulzdorf, Ober-, Untereßfeld, Sternberg, Zimmerau, Schwanhausen, Serrfeld und Alsleben beteiligt. Er erlernte das Zimmererhandwerk von 1921 bis 1924 bei Zimmermeister Heinrich Götz in Rieth. Danach arbeitete er ein halbes Jahr in Vacha beim Ausbau von Kaligruben.

Otto Oehrl berichtet, im Herbst und Winter mussten zunächst in einem Steinbruch Steine für den Sockel des künftigen Hauses gebrochen und zugehauen werden. Auch das für den Hausbau zu verarbeitende Holz musste während des Winters gefällt werden.

 

 

Das Bauholz wurde bei der Fa. Kalnbach in Sulzdorf zugeschnitten- Diese Ansichtskarte wurde um 1930 aufgelegt.

 

Gemeinderecht sicherte Bauholz

Im Fränkischen besaßen die Bauern zumeist ein Gemeinderecht, das auch ein Bauholzrecht beinhaltete, wie z.B. in Sulzdorf oder Obereßfeld. Aus dem Gemeindeholz konnten die Gemeinderechtler Holz für ein einstöckiges Haus sowie das Bauholz für Reparaturen an der Scheune, Holz für Hof- und Scheunentore, für Viehbarren, Dreifach-Schweineställe, Geländer, Stock und Schwengel für Schöpfbrunnen sowie drei Torstöcke mit Gestell beziehen. Oft besaßen aber die Bauern auch selbst ein kleines Stück Wald.

In der Regel musste das Bauholz mit einem speziellen kurzstieligen Beil zugehauen werden. In jenen Jahren gab es nur vereinzelt Sägewerke, wie z.B. das Sägewerk Kalnbach in Sulzdorf a.d.L., die eine Arbeitserleichterung gebracht hätten.

Mitte der zwanziger Jahre eröffnete dann auch in Schweickershausen ein Sägewerk, so dass diese mühevolle Arbeit endgültig auch für die Riether Zimmerleute entfallen konnte.

In den Wintermonaten galt es einen Plan für das Haus zu entwerfen, was in unserer Gegend meist der Techniker Oskar Götz aus Albingshausen erledigte - er hatte am Technikum in Coburg studiert. Auch hatte das Bezirksamt den Plan zu genehmigen. Hugo Roth aus Rieth vermittelte zu jener Zeit nicht nur im Heldburger Unterland, sondern auch im Königshöfer Grabfeld Handwerksleute.

Begonnen wurde in der Regel mit dem Bau eines Wohnhauses im Frühjahr. Zuvor waren aus Königshofen mittels Pferdefuhrwerken Backsteine und Hohlblöcke, aus Maroldsweisach Sand und Kies an die künftige Baustelle zu verbringen. Reichere Bauern ließen sich gar aus dem Rheinland Bimssteine kommen, was aber sehr selten vorkam.

Nach dem Ausheben des Grundes per Hand, errichteten die Maurer zunächst das Fundament und den Sockel des Hauses. Unter den Grundstein legte man eine Flasche mit Münzen und geweihten Kräutern. Meist wurde bei einem zweistöckigen Haus, das sich in der Regel nur reichere Bauern leisten konnten, auch das erste Stockwerk aus Stein ausgeführt. Es gab aber auch vereinzelt zweistöckige Häuser, bei denen beide Stockwerke in Fachwerkbauweise erstanden.

Fünfmal mehr Arbeit wie heute hätten die Zimmerleute früher an einem Haus gehabt, erzählt Oehrl rückblickend. 14 Tage seien zumeist sechs Zimmerleute mit dem Aufbau eines Hauses beschäftigt gewesen. Zu verarbeiten waren immerhin 15 bis 18 Kubikmeter Holz (Fichten-, teilweise Eichenholz), das in acht bis zehn Fuhren herangekarrt worden war.

 Zimmerleute, Maurer und Hilfskräfte bei einem Hausbau 1930.

Gearbeitet wurde meist in Zimmermannstracht

Die Arbeit der Zimmerleute erfolgte zumeist in der traditionellen Zimmermannstracht (schwarze Hose, Weste aus Kord mit weißen Knöpfen, schwarzer Hut mit breitem Rand).

Nachdem dem Zimmermann vom Bauherren die „Zusage“ gemacht - so nannte man damals die Auftragserteilung - und ihm die Bauzeichnung überreicht worden war, hatte er sich als erstes über die anfallenden Arbeiten kundig zu machen.

Er vertiefte sich zunächst in die Zeichnung und verschaffte sich ein genaues Bild von dem herzustellenden Gebäude. Man musste sich den Bau im Geist genau vorstellen können, „gerade als wär er scho' fertich!“, berichtet Otto Oehrl. Nur ein Zimmermann, der diese Vorstellungskraft besitzt, könne sich auch wirklich „Zimmermann“ nennen, stellt er fest.

Die erste Arbeit für einen Zimmermann am Bau war das Maßnehmen. Dies geschah nicht wie heute mittels Bandmaß, sondern man bediente sich einer Breite- und Längelatte. Diese bestand aus mehreren mit jeweils drei Drahtstiften zusammengenagelten, scharfkantigen Dachlatten (Länge jeweils 4 - 5 m), auf denen man in erster Linie die Hausgrundmaße bestimmte und anschrieb sowie die Bünde (darunter versteht man die Balken, die unter oder über einer Zwischenwand zum Liegen kommen) und Wände. Festgehalten wurden ferner darauf die Lage der Schornsteine und Treppen.

Mittlerweile hatte man die Pfetten (Langhölzer) der Außenwände ungefähr in die richtigen Abstände zueinander gelegt und sorgfältig unterbaut, damit diese beim späteren Auflegen der Balken nicht allzu viel zu verrücken waren. Auch hatten sie in einer Flucht liegen, damit keine Windschiefe entstand.

Nach dem „Gutlegen“ der Pfetten legte man die Längelatte darauf, um die Bundbalken anschreiben zu können. Die Pfetten und Bundbalken waren nach dem Anreißen aufzudübeln. Alle anderen Balken zwischen den Bundbalken wurden ebenfalls in gleichmäßigen Abständen (ca. 80 - 90 cm) aufgedübelt.

War das Abbinden des ersten Gebälks fertig, so verfuhr man mit dem zweiten in gleicher Weise. Um die Grundlage eines Kehlgebälks (Zwischenbalken im Dachgeschoß) feststellen zu können, war dies zuvor aus dem Dachprofil zu ermitteln. Es musste also das Dach „aufgeschnürt“ werden, um die Breite des Kehlgebälkes und die Lage der Dachbunde ausfindig zu machen.

Das Aufschnüren des Daches auf dem Reißboden war nicht immer möglich, da auf den meisten Zimmerplätzen keiner vorhanden war, erinnert sich der Zimmermann.

Ein Dachprofil zu errichten, war sehr wichtig, da von hier aus das Anreißen der Sparren, Kehlbalken sowie der Abbund des gesamten Dachstuhles und das Ausbinden der Giebel erfolgte. Nach dem Abbinden der Fachwerkwände, das heißt die Verarbeitung der Wandsäulen, Streben, Riegel usw., erfolgte das Zeichnen der Hölzer.

Seit alters her werden römische Schriftzeichen für die Kennzeichnung der Balken verwendet. Alle Wände, die in Richtung Giebel laufen, werden mit „Ausstich“ (gerade gehauenen Ziffern), die Längswände mit „Ruten“ (schräg gehauenen Ziffern) gezeichnet. Dies geschah entweder mit einer Rundaxt oder einem Stemmeisen.

Richtfest in Sternberg 1930

Dem Aufrichten folgte das Richtfest

Nachdem diese Arbeiten erledigt waren, konnte mit dem Aufrichten begonnen werden. Dies geschah zumeist  an einem „Sunnabend“ (Samstag). Das Aufstellen des Gebälks war und ist sicher auch heute noch eine nicht ganz ungefährliche Arbeit.

Die Zimmerleute gingen früher an diesem Tag meist zuerst zum Gottesdienst, der zu Ehren der Vorsehung gehalten wurde. „Gottes Sechen und a guter Schluck“ gehörten eben früher zu jedem wichtigen Werk des Bauern. Die Schnapsflasche durfte beim Aufrichten des Hauses nie fehlen, besonders beim letzten Sparren nicht, den selbst Gottes Segen und vereinte Kraft nicht allein hinaufheben konnten.

Richtfest wurde bei etwa zwei Drittel der ausgeführten Bauten gefeiert, berichtet der Zimmermann. Auf diesen Tag freute sich jeder Handwerker und vor allem der Bauherr schon lange.

Der Tag begann mit einem gemeinsamen Frühstück. Es gab guten Kaffe, dazu selbstgebackenen Kuchen (Käse- und Streuselkuchen). Anschließend begann das Aufrichten, das zumeist einen ganzen Arbeitstag in Anspruch nahm. Um 9 Uhr wurde eine Viertelstunde Frühstückspause eingelegt. Hier gab es erneut Kaffee, aber auch Hausbrauerbier und selbstgebrannten Schnaps sowie Käse und Wurst.

Gegen 12 Uhr wurde Mittagspause gehalten. Ein vergleichsweise üppiges Essen wurde aufgetischt, Schweine-, Rinder- oder Sauerbraten, dazu Thüringer Klöße. Im Bayerischen gab es auch stets zum Essen Gemüse (meistens Wirsing) oder Kraut, erinnert sich Oehrl. Dies sei im Thüringischen nicht üblich gewesen.

Dann ging die Arbeit solange weiter, bis aufgerichtet war. Anschließend zogen einige Handwerker durch das Dorf, um auf das folgende Spektakel aufmerksam zu machen. Zwei Pferde zogen einen Pflug, auf dem ein Balken befestigt war. An dessen Ende drehte sich ein Wagenrad, auf dem der Richtbaum befestigt war. Reiter, Musikant und der Zeremonienmeister waren mit Frack und Zylinder bekleidet. Aufmerksam machte die lustige Schar auf sich durch Johlen und Trompetespielen. Dem Zug schlossen sich vor allem die Kinder des Dorfes an.

Zurück am Neubau wurde der mit farbigen Papierfähnchen und bunten Taschentüchern geschmückte Richtbaum - zumeist ein Tannenbäumchen - auf dem First angenagelt. Für jeden beteiligten Zimmermann hing übrigens ein Taschentuch am Richtbaum. Aus der Hand der Hausfrau erhielten sie dieses am Montag nach dem Richtfest als Geschenk.

Einer der Zimmerleute bestieg, nachdem der Richtbaum befestigt war, den Dachstuhl und sprach den Richtspruch. Währenddessen hatten die übrigen Zimmerleute in der Balkenlage des ersten Stockwerkes Platz zu nehmen. Zu diesem Spektakel kam stets das „ganz Durff z'sammgeloffen“, um sich mit den neuen Hausbesitzern zu freuen, erinnert sich Otto Oehrl. Noch heute kennt er den Richtspruch auswendig, der folgenden Inhalt hat:

Wir haben heut', wir Zimmerleute,

zu unseres Bauherren größter Freude,

wie Ihr alle da geschaut,

ein neues Wohnhaus aufgebaut.

Zu dem die Maurer mit bedacht,

ein gutes Fundament gemacht,

das sicher das Gebäude trägt.

Die Schwellen waagerecht gelegt,

die Wände lotrecht aufgestellt,

die das Gebälk zusammenhält.

Verbunden und verzapft genau

nach Vorschrift ist der ganze Bau.

Und oben d'rauf das Dachgerüst,

das gleichfalls gut gesichert ist.

Nichts fehlt.

So haben wir denn jetzt

dem Bau die Krone aufgesetzt.

Dies Ehrenzeichen, das beweist,

dass auch das Werk den Meister preist.

Dank sei dem Herrn, der ihn gebührt,

durch den wir diesen Bau vollführt.

Der uns ein treuer Helfer war,

uns gnädig schützte vor Gefahr.

Und dieses Haus, das wir erbaut,

sei seiner Schöpfung anvertraut.

Er wende ab, was es bedroht -

den Wetterstrahl, die Feuersnot.

Das Unglück bleibe von ihm fern.

Auch lasse er des Hauses Herr'n,

und die da gehen, aus und ein,

stets seine Gnad und Huld sich freuen.

Der Meister sparte keine Müh,

auch wir Gesellen spät und früh.

wir messen und hauen Stück für Stück

und fügen die Balken zum häuslichen Glück.

Jetzt frag ich den Bauherrn vor aller Welt,

ob ihm das neue Haus gefällt.

Wie wohl uns dann der Bauherr lobt,

so ist das Werk genug erprobt.

Und jeder Tadel in Wort und Blick,

sinkt in sein eigenes Nichts zurück.

Wohl uns gelungen ist unser Tun,

so können wir nun am Abend ruh'n.

Mit solchem Wunsch und besten Gruß,

mach ich der Giebelrede Schluss.

Den Bauherren segne Heil und Glück,

nie treffe ihn ein Missgeschick.

Er lebe hoch, nebst Weib und Kind

und alle, die verwandt ihm sind.

Ein Lebe Hoch nach Sitt' und Brauch,

dem ganzen Zimmerhandwerk auch.

Das Zimmerhandwerk soll leben vivat hoch.

Und noch ein Wunsch, er gilt Euch allen,

drum hört ihn an mit Wohlgefallen,

ist einer von den Schönsten noch:

Ganz ........... (Ort) soll

leben vivat hoch, hoch, hoch!“

Nach den letzten Worten des Spruches, trank der Zimmermeister das in Händen haltende Glas Bier oder Wein („.....wos em da war!“) leer und warf es vorwärts vom Dach herab. Unten lauerten bereits die Zuschauer, die hofften, dass das Glas nicht zerbrach. Dies geschah z.B. dann, wenn es auf einem Sandhaufen landete. Das unzerstörte Glas, das als Glücksbringer galt, durfte der Flinkste mit nach Hause nehmen.

Zum Abschluss der Zeremonie wurden drei Strophen des Gesangbuchliedes „Nun danket alle Gott!“ oder „Großer Gott wir loben Dich!“ gesungen.

Anschließend begaben sich die Familienangehörigen und die Handwerker in das bisherige Haus der Familie bzw. deren Ausweichquartier und feierten bei Schnaps und Bier sowie einer guten Brotzeit zumeist bis zur Mitternachtszeit weiter.

 „Da hat jeder auf'm Hemwaach scho a bißla g'schwankt und Fätz'n Räusch hat's auch manchmal gam!“, beschreibt Otto Oehrl den Zustand der Heimkehrer.

 Spektakel am Dorfplatz nach dem Richtfest 1930

 

Das Kreuz war erster Einrichtungsgegenstand

Am Sonntag war Ruhetag und am darauffolgenden Montag verschalten die Zimmerleute den Dachvorsprung, brachten die Windleisten und Dachlatten an. Anschließend wurde das Dach, teilweise unterstützt von den Maurern, eingedeckt.

Dann wurden die „Fellen“ (Zwischenräume im Fachwerk) zugemauert, das Elektrische verlegt, verputzt und die Türen und Fenster, in der Regel vom örtlichen Schreiner gefertigt, eingesetzt. Meist wurden Bretterfußböden, bestehend aus gehobelten 30er Brettern, eingesetzt und dann konnten die Vorbereitungen für den Einzug getroffen werden.

Am Einzugstag schmückte den Hauseingang eine große Girlande, an der eine Tafel mit der Aufschrift „Herzlich willkommen“ befestigt war. Der Ortspfarrer segnete das Haus.

Damals bestand der Brauch, als erstes Ausstattungsstück ein Kruzifix aufzuhängen. Als nächstes wurde symbolisch ein frischer Laib Brot angeschnitten, auf dass der Segen Gottes einkehren und alle Not abwenden möge. Am Abend des Einzugtages wurde zum ersten Mal der Herd angeschürt („..der Herd gewärmt“, wie es hieß) und die Nachbarsleute zum Essen eingeladen. Man hielt damals viel auf gute Nachbarschaft und ein Spruch, der heute leider mehr und mehr in Vergessenheit gerät, lautet: „Mit Nachberschleut baut mer Häuser auf!“

Mitunter war es üblich am Einzugstag einen ungerupften Hahn über die Messingstange des Küchenherdes zu legen. Dies sollte ebenfalls Glück bringen. Am Abend des Einzugstages spielte die Dorfmusik ein „Ständela“. So ein Hausbau dauerte früher von der Grundsteinlegung bis zum Einzug rund ein halbes Jahr.

In der Regel war ein Zimmermann jährlich in den Sommermonaten beim Aufrichten von drei bis vier zweistöckigen Häusern beteiligt, erzählt Otto Oehrl. Höher lag die Zahl des Aufrichtens einstöckiger Häuser. Hinzu gesellten sich Aufstockungen bereits bestehender Häuser. Ferner wurden alljährlich durchschnittlich zwei bis drei Ställe und die gleiche Anzahl Scheunen errichtet.

1930 kostete ein zweistöckiges bäuerliches Wohnhaus rund 10.000 Mark. In Relation dazu - ein paar gute Schuhe kosteten damals zehn Mark. Der Stundenlohn der Zimmerleute betrug 30 bis 40 Pfennig. Otto Oehrl berichtet, damals kostete eine Maß Bier 50 Pfennig. „Wenn mer in Hellinga geärbet ham, da sen mer ümmer bei dann Gemeindewirt nei. Da hab' ich immer gsocht, wenn mer drei trink'n, is der Vormittagsverdienst scho furt!“, erzählt er.

Gearbeitet werden mussten sechs Tage in der Woche täglich zumeist zehn Stunden. Meist und oft genug betrug die Arbeitszeit elf Stunden, wenn es galt vordringliche Arbeiten zu erledigen. Am Sonntag war zwar Ruhetag, aber da gab es zu Hause genügend liegengebliebene Arbeiten zu erledigen. Da waren Fässer zu reparieren - die Nachbarschaft drängte. Weiter waren die Vorarbeiten für die im Winter zu fertigenden Büttnerstücke zu treffen.

Mit dem Fahrrad wurde damals zur jeweiligen Arbeitsstelle gefahren. Ein Zimmermann hatte aber nur in den Sommermonaten Arbeit („Im Winter hat kenner wos läß mach'!“), so dass noch zusätzlich ein Beruf erlernt werden musste. Außerdem gab es, so Otto Oehrl, im Grabfeld nicht so viel Arbeit für die Zimmerleute, dass sie den ganzen Sommer über ausgelastet gewesen wären. Er erlernte deshalb zusätzlich das Büttner- oder Böttcherhandwerk und fertigte in den Wintermonaten Fässer, Zuber und Butten.

Um aber die Familie ernähren zu können, war zusätzlich noch nebenbei ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb zu unterhalten. Otto Oehrls Familie besaß etwa 3,5 ha, zwei Kühe, Jungrinder und Schweine. Alle Handwerker hatten damals einige Hektar Landwirtschaft, berichtet er. „Es war a bißla a arma Gechend, auch bei uns da - es war grad wie düm bei Euch!!“, stellt er rückblickend fest, und: „Wenn die Bauern und Handwerker net tüchtig auf Zack war`n, nachert war net mehra da, wie gebraucht is worn!“ Hier wie dort habe es große und kleine Bauern sowie Handwerker gegeben. Die Dörfer im fränkischen und thüringischen Grabfeld seien in etwa gleich strukturiert gewesen.

Otto Oehrl ging erst im Alter von 70 Jahren in Ruhestand. „Bei der LPG , da bist da als Handwerker immer gebraucht wurn. Arbet immer furt!“, mit diesen Worten blickt Otto Oehrl voller Stolz auf ein erfülltes Arbeitsleben zurück.  Er starb Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts in seiner Heimatgemeinde.

                  Das 1930 erbaute Haus in unseren Tagen.




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