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Reinhold Albert  

                                              

„Kinner, Käuz und Fratze“

 

Eine Kindheit in alter Zeit (II)

 

Nachdem in Saal an der Saale am Ostersonntag das Patenkind zwölf Eier und ein Biskuithäschen mit Fähnchen erhalten hatte, führten dort am Pfingstsonntag die Paten die Kinder in einen Wirtshausgarten

 und bewirteten sie reichlichst mit Speise und Trank. Das Kind bekam Käskuchen und als charakteristisches Patengeschenk 12 Oblaten („Herchet“, abgeleitet von Herrgot genannt), so groß wie ein Briefbögelchen, viereckig, aus ungesäuertem Mehl. Den Herchet verschenkte kein Kind, lieber gab es alles andere her.

Einen Herchet kannte man auch im benachbarten Hollstadt. Dort wurde bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhundert die sog. „Pfann“ stolz durchs Dorf getragen. Am Sonntag vor Pfingsten zog der Pate mit seinem Patenkind hinaus in die Fluren und beide suchten sich den schönsten Haselnussstecken, der der „Pfann“ würdig war. Die „Pfann“, abgeleitet von Fahne, war seit jeher wichtig in der Beziehung zwischen Paten und Kind und musste durch ihre Schönheit dem Ganzen Ausdruck verleihen. Mit kunstvollen Schnitzereien verzierte der Pate den gemeinsam ausgesuchten Stecken mit seinem Taschenmesser. Am oberen Ende wurde in einem Spalt eine bunte, rechteckige Oblate (ca. 5 x 10 cm) gesteckt, die „Herchet“ (Herrgott) genannt wurde. Davor wurde ein Heiligenbildchen befestigt, das später im Gesangbuch einen Ehrenplatz bekam. Ein buntes Sträußchen verzierte mit einer Schleife die Pracht, und der Pate überreichte am Pfingstsonntag seinem Patenkind die ersehnte „Pfann“. Ein Wetteifern begann, wer die schönste und längste „Pfann“ hatte. Am Pfingstmontag gegen Abend zogen die Kinder stolz mit ihren Pfingstfahnen durch Hollstadt und klopften damit an die Fenster, um auf sich aufmerksam zu machen. Die zu Bruch gehenden Oblaten wurden sofort verspeist.

Auch in Irmelshausen gehen übrigens heute noch die Neukonfirmierten am Pfingstmontag im Rahmen des traditionellen Spitzenreitens mit einem buntgeschmückten Banner, der sog. Spitze, von Haus zu Haus und klopfen an Fenster und Türen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie erhalten in der Regel Geldgeschenke, aber auch bunte Fähnchen.

In vielen Orten wurden einst während des Pfingstgottesdienstes aus dem sog. „Himmelfahrtsloch“ im Kirchenchor Oblaten herabgeworfen, mitunter aber auch an die Schuljugend verteilt. In Oberessfeld weist die Gemeinderechnung von 1767 aus:

„1 Gulden, 1 Pfund, 15 Groschen für Oblaten der Schuljugend auf Christi Himmelfahrt und Pfingsten“.

Wahre Massen des Backwerks wurden einst auf diese Weise unter das Volk gestreut, wie z.B. 1615 im Würzburger Dom sage und schreibe 6.000 Oblaten.

Dieser Brauch wurde im Rahmen der Säkularisation 1803 verboten. Das Verbot der bayerischen Regierung rechtfertigte 1804 der Jesuit Johann Bonaventura Andres. Er schrieb:

„Mittags um 12 Uhr fing schon der Tumult an, und währte einige Stunden fort. Der Geistliche empfing unter Gesang eine hölzerne Taube, die im Schwung herabgelassen wurde. Noch mehr erhöhte sich das Geräusch, als nach dem Herablassen der Taube Oblaten, brennendes Papier (zur Vorstellung der Feuerzungen am Pfingstfest) herabflogen, und zugleich Wassergüsse erfolgten. Jeder wollte dem Feuer und Wasser ausweichen: doch fehlte es nicht, dass manches Kleid durch Feuer und Nässe verdorben wurde. Und wie stürzten nicht die Kinder aufeinander hin, um Oblaten zu erhaschen. Andere stiegen auf Stühle, Bänke, Altäre herum, um eine Oblate aufzufangen, und die größeren Leute ergötzten sich recht herzlich an diesem Schauspiele. ... Die Eltern brachten Kinder von ein bis zwei Jahren mit, die fast erdrückt wurden. Mutwillige Knaben raubten einander die Oblaten und es entspannen sich Balgereien, Verfolgungen, kleine Feindschaften ...“

 

An den Weinbau in Wülfershausen an der Saale und Umgebung, der bis Mitte des 19. Jahrhunderts gepflogen wurde, erinnert heute noch die Urbanusprozession am 25. Mai. Sie ist in Deutschland einmalig. Es ist eine Bittprozession am Patrozinium des hl. Urban. Ziel ist ein St. Wendelinus-Bildstock in der Flur. Der Zug wird angeführt von Kindern, die eine Figur des hl. Urbanus tragen und dabei beten:

 

Lobpreis und Ehr dem heiligen Urbanus!

 

Beim Verlassen des Gotteshauses nach der Prozession erhalten die Kinder vom Bürgermeister das sog. Urbanibrot.

 

 

 

Ein Brautwagen auf dem Weg zum Haus des Bräutigams, fotografiert 1930 in Sternberg im Grabfeld.

 

Ein besonderer Festtag im Jahreslauf war für die Kinder stets eine Hochzeit im Dorf. Am Tage vor der Trauung wurde einst die Braut im Brautwagen, auf dem sich ihre Aussteuer befand, in das Haus des Bräutigams gefahren. Bei dieser Gelegenheit versammelten sich sämtliche Kinder des Dorfes auf der Straße und hielten die Pferde durch ein über die Straße gespanntes Seil auf, – das sog. „Hemmen“ – worauf dann die Brautleute Geld auf die Straße warfen, das von den Kindern in aller Hastigkeit aufgelesen wurde. Je mehr „gehemmt“ wurde, desto größer das Glück; daher nannte man das ausgeworfene Geld „Glücksgeld.“ Und noch heute ist mancherorts dieses Hemmen des Brautpaares nach dem Kirchgang Brauch.

Insbesondere in den Sommermonaten war die einst Arbeitskraft der Kinder in Haus und Hof gefordert, sei es beim Schuhputzen, Rüben- oder Kartoffelhacken, bei der Heu- und Grummeternte, beim Dreschen und bei der Kartoffel- und Rübenernte.

Im Herbst war dann wieder etwas mehr Zeit zum Feiern, so z.B. an der Kirchweih. Aus Bischofsheim vor der Rhön sind folgende Kirchweihsprüche überliefert:

 

Bans Kirmes is, bans Kirmes is,

do schlocht mei Voter nen Book,

do tanzt die alt Marielis,

do wockelt ihr der Rook.

 

Bans Kirmes is, bans Kirmes is,

Geht alles drun un drü,

der Schuster backt a Brandsollnstück

tut Ardäpfle in die Brüh.

 

Doch schnell ist die Zeit der Kirchweih vorüber und der Winter steht vor der Tür. Im Advent hielten in Großbardorf manchmal junge Burschen und Mädchen, die sich verkleideten, sog. Flöhgarnabende ab. Sie gingen in die Häuser und riefen immerfort: „Flöhgarn, Flöhgarn!“ bis sie ein Geschenk erhielten, welches in Äpfel Nüssen und dergleichen bestand. Es wurde aufgeschrieben: „Dieses wird für einen Scherz angesehen und die Leute überreichen es ihnen gerne, denn da kann man die drolligsten Figuren von Kostümen dabei sehen.“

In Bad Neustadt sagten einst die Kinder:

 

Wenn es draußen ist recht kalt,

kommt St. Nikolaus aus dem Wald.

oder

Wenn St. Nikolaus kehret ein,

fürchten sich die Kinderlein.

 

In Hendungen kam einst am Nikolaustag der „Häscha-Kloas“. Ein Bursche vermummte sich, ließ sein Gesicht schwärzen, klebte sich einen langen Flachsbart an und hüllte sich in Mantel und Mütze. Er kam mit der „Hullafraa“, die teils als Mann, teils als Frau vermummt war. Der „Hätscha-Kloas“ hatte eine Peitsche dabei; damit klatschte er auf den Weg. Bevor er in ein Haus ging, klopfte die Hullafraa mit einer Rute an das Fenster oder an die Tür. Meist begleitete sie den Häsche-Kloas nur bis in den Hausgang. Die Kinder hatten zu beten. Taten sie es nicht, so erhielten sie Schläge, taten sie es, wurden die mitgebrachten Sachen (Hutzeln, „Zückerlich“, Birnen, Nüsse, Äpfel und Runkelschnitzchen) ausgeworfen. Beim Zugreifen wurden den Auflesenden auf die Finger geklopft. Waren „Häscha-Kloas“ und „Hullafraa“ zusammen ins Zimmer gegangen, dann tanzten sie manchmal zum Schluss miteinander.

 

 

 

 

Der Umgang des Breitenseer Christkinds 1995

 

In Neustadt/Saale kam am 6. Dezember der Nikolaus mit seinem Knecht Rupprecht. Die Kinder sagten folgende Spruch:

 

Nikolaus ist ein guter Mann,

der viel Gutes geben kann.

Stellt den Teller auf den Tisch,

Äpfel, Birn und auch noch Nüss.

Heut ist Nikolaus Namenstag.

Tralara, tralara, tralara.

 

Verschwiegen werden dürfen auch nicht einige Beispiele aus der rüpelhaften Volksdichtung, aufgelesen im Besengau um Bastheim, Oberweißenbrunn und Neustadt, die mit Sicherheit eine kräftige Tracht Prügel zur Folge hatten

 

Nikolaus, Pantroffelstrauß!

Was willst du denn mit mir?

Ich nehm’ dich an der Zipfelkapp

und werf dich raus zur Tür!

oder

Christkind, das Gute, schlug mich mit der Rute.

Ich war aber gar nicht dumm, haute gleich das Chrsitkind rum.

 

Wenn in Großbardorf Weihnachten das Christkindlein kam, stellten die Kinder Teller auf den Herd. Dann mussten sie in die Stube, um zu beten. Danach nahm die Mutter in der Küche die Ofengabel und pochte in den Kamin herum, so dass es ein ordentliches Getöse gab. Die Kinder wussten jetzt, dass das Christkindlein zum Kamin hereinfährt und sprangen nun in die Küche und holten ihre Bescherung, welche auf den aufgestellten Tellern zurecht gelegt war. Sie trugen sie in ihr Zimmer, wo dann damit der Christbaum unter großem Jubel geschmückt wurde. In der Christnacht nach der Mette wurde im Kreise der Familie die größte Wurst gegessen.

In Burgwallbach kam einst am Christabend, nicht am Nikolaustag, wie in Hendungen, das Christkindlein und beschenkte die Kinder mit Äpfeln, Nüssen, Zucker etc. Auch in Rödelmaier kam in alter Zeit das „Christkind“, eine weißgekleidete Gestalt, in Begleitung der in schwarz gekleideten „Hollefra“. Das Christkind bescherte gute Sachen, die „Hollefra“ brachte eine Rute mit und wollte böse Kinder mitnehmen.

Nur noch in einer Gemeinde im bayerischen Grabfeld ist dieser alt­hennebergischer Brauch anzutreffen - der Umgang des Christkindes mit Gefolge am Heiligen Abend, und zwar in Breitensee. Seit der Reformation kam man in protestantischen Gebie­ten von der Bescherung durch Heilige (den hl. Nikolaus) ab. Träger der Bescherung wurde dort statt dessen das Christkind, be­gleitet von der Hullefraa. Der Heilige selbst trat im evange­lischen Raum als Weihnachtsbaumbringer zurück.

Es sind zahlreiche Kindersprüche aus der Zeit um Weihnachten überliefert. In  Bad Neustadt und dem Besengau waren einst folgende Sprüche aus der Weihnachtszeit in Gebrauch:

 

Wenn es draußen Flocken schneit,

ist das Christkind nicht mehr weit.

 

Wenn es draußen ist recht kalt,

kommt das Christkind aus dem Wald,

geht von Haus zu Haus

und teilt seine Gaben aus.

 

Christkind, flieg über mei’ Haus!

Leer dei goldig Wägele aus.

Äpfel, Birn und Nüss

Un mei Lebküchle nit vergiss.

 

Christkind komm in unser Haus,

leer deine vollen Taschen aus.

Bring dein Eslein auf die Wies,

dass es Heu und Haber frisst.

 

Christkind mach mich fromm,

dass ich in den Himmel komm,

nauf die öberst Spitza.

 

Und auch am Silvesterabend kam noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mancherorts die „Hollefrau“ in die Häuser, in denen kleinere Kinder wohnten und bescherte diese mit verschiedenen Süßigkeiten, Äpfeln und Nüssen. In Burgwallbach trug die Hollefrau auf dem Rücken einen Bündel Wachholdersträucher und in der Hand ein hölzernes Messer. Wenn die Kinder nicht brav waren, wurde ihnen mit der Hollefrau gedroht. Diese, so die Befürchtung, schneide den Kindern mit dem hölzernen Messer den Bauch auf und versuche ihnen eine Wachholderwelle hineinzustecken.

Zum Abschluss schließlich noch ein Vers, den Bad Neustädter Kinder und Jugendliche bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts aufsagten. Es trägt den Titel „Durch die Woche“ und lautet:

 

Am Montich fängt die Woche u

Am Dienstich sin mir übel dru

Am Mittwoch sin mer mitte drin

Am Donnerstich gits Kümmerling

Am Freitich gits gebackne Fisch

Am Samstich stehn mer leer on Tisch

Am Sonntich gits a Schweinebrätle

Und hinne noch a Gläsle Wei’

Solle mer do net lustich sei?

 

 

Literatur und Quellen:

Albert, Reinhold: Chronik von Schmalwasser, Mellrichstadt 2006.

Bock, Volksschullehrerin in Hendungen: Volkskundliches aus der Gemeinde Hendungen, Bez.-A. Mellrichstadt, Unterfranken, 1909

Dünninger, Josef/Schopf, Horst: Bräuche und Feste im fränkischen Jahreslauf, hgg. 1971 von den Freunden der Plassenburg (Kulmbach), Nr. 109, S 77, 78;

Gemeindearchiv Obereßfeld, Dorfsrechnung von 1767;

Greßer, Philipp: Schulgeschichtliche Aufzeichnungen von Aub im Grabfeld, MS um 1925.

Kraus, Alois: 1200 Jahre Hendungen, Mellrichstadt 1983. Darin: Volkskundliches aus der Gemeinde Hendungen um 1900 (nach Aufzeichnungen des Lehrers Andreas Singer von 1891—1911.

Heimatkundliche Sammlung aus dem Altlandkreis Bad Neustadt/Saale, aufgeschrieben 1960-62, gesammelt von Kreisheimatpfleger Heinrich Hirsch.

Marr, Anna: Osterkinderreime aus Nordheim v. Rh. In Heimatblätter des Rhön- und Streuboten Nr. 13, 29.3.1934

Pigor, Cilli: Kunstvolle Schnitzereien verzierten die Haselnußstecken. In Heimatjahrbuch des Landkreises Rhön-Grabfeld, 1999.

Reder, Klaus/Reinhold Albert: Rhön und Grabfeld im Spiegel der Beschreibungen der Bezirksärzte Mitte des 19. Jahrhunderts, Kleineibstadt 1995.

Seyd, Rektor: Einige Gebräuche, Sitten und allerlei Aberglaube in Ostheim. In: Heimatblätter des Rhön- und Streuboten (Mellrichstadt), Nr. 39/1933, S. 156.

Seyd, Rektor: Was die Ostheimer Kinder glauben. In: Heimatblätter des Rhön- und Streuboten (Mellrichstadt), S. 88

Türk, Claudia: Fastnachtsbräuche im Besengau. In Heimatjahrbuch des Landkreises Rhön – Grabfeld 1981, S. 98 ff.

Unbekannter Verfasser: Alte Himmelfahrts- und Pfingstbräuche im Dom zu Würzburg. In: Heiliges Franken, 1. Jahrgang Nr. 5/1953;

Unbekannter Verfasser: Kinderreime aus dem Besengau, gesammelt von der Schule in Braidbach. In Heimatblätter des Rhön- und Streuboten Nr. 50 vom 30.12.1932

Volkskundliche Umfragen des Institut für Volkskunde in München aus Neustadt und Königshofen, um 1908.

 

 




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