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Reinhold Albert  

                                              

„Kinner, Käuz und Fratze“

Eine Kindheit in alter Zeit (I)

Einst machte man den Kindern vielerorts weis, die Kinder kämen aus einem Brünnchen oder einer Quelle, wie z.B. in Herbstadt aus dem „Weiherbrünnla“ oder in Unter- und Unterebersbach aus dem Hannesbrunnen (Ortsbrunnen). In Ostheim gab es gar einen „Kindelesbrunnen“, worin die kleinen Kinder, Brüderchen und Schwesterchen, nebeneinander saßen und darauf warteten abgeholt zu werden. Zu dem Brunnen hatte aber nur die Amme den Schlüssel. Bei ihr mussten die kleinen Kinder bestellt werden. Diese holte das Baby heraus, wickelte es in Kissen und packte es in ihren Mantel, so dass es nicht fror und legte es der Mutter in den Schoß. In Kleinbardorf brachte der Storch die Kinder und in Brendlorenzen kamen die Kinder nach dem Kinderglauben vom Schutzengel. Und wie erklärte man, dass ein Ehepaar keine Kinder bekam? Na ja, die Amme ist sehr eigensinnig und erfüllt nicht immer die Wünsche der Eltern!

In der Sammlung des Fotografen Anton Tretter aus Mellrichstadt ist diese Aufnahme enthalten, die eine Mutter und ihr Kind vor mehr als hundert Jahren zeigt.

In Ostheim und andernorts in Rhön und Grabfeld war die Taufe gewöhnlich einen Tag nach der Geburt nachmittags. In Unterebersbach erhielten die erstgeborenen Kinder den Vater- bzw. Mutternamen. Die Namen von unehelichen Kindern suchte nach einem alten Brauch gewöhnlich der Pfarrer aus.

Bei der Auswahl der Taufpaten war man sehr sorgfältig, da man glaubte, dass das Kind den siebten Teil seiner Paten (Dothen, Dauthen) in Tugend und Untugend nachfährt, wie z.B. in Saal. Dort wurden nur Jünglinge und Jungfrauen oder Kinder zu Paten ausgewählt - keine Verheirateten und keine „gefallenen Personen“, weil die, worauf man stolz war, bei der Taufe keinen Kranz tragen durften.

Während in anderen Gegenden für das Kind drei und mehr Taufpaten gewählt wurden, wählte man in Ostheim meist nur einen „Gevatter“. Der „Död“ musste bei der Taufe und dann bei jedem Fest, sogar am Nikolaustag und beim Vorzeigen der Schulzeugnisses, Gaben spenden. In Kleinbardorf sprach der Pate oder die Patin nach der Taufe, an der übrigens die Mutter nicht teilnahm bzw. teilnehmen durfte:

Ein Heidle trugen wir fort, ein Christle bringen wir wieder.

In Irmelshausen wurde bei jedem Kinde mit dem Paten gewechselt. Derselbe pflegte ein Geldgeschenk bei der Taufe zu geben, später alljährlich sog. „Storcheneier“.

Im Rhönstädtchen Ostheim war für das Schicksal des Kindes das erste Lebensjahr sehr wichtig. Waren die Fingernägel gewachsen, so dass sie beschnitten werden mussten, so hatte die Mutter sie abzubeißen, ja nicht mit Messer oder mit der Schere zu kürzen, sonst lernte das Kind das Stehlen. Auch durfte das Haar unter einem Jahr nicht geschnitten werden, da sonst die Gefahr bestand, dass das Kind bald sterbe. Ließ man es in einen Spiegel sehen, wurde es eitel und stolz.

Und natürlich wurden die Babys und Kleinkinder in den ersten Jahren mit zahlreichen Liedern erfreut, die ihnen zumeist die Großmütter vorsangen, während die Mütter in Haus und Hof gebraucht wurden. So lautete in Hendungen ein Wiegenliedlein:

Eia, popeia, schlags Gökerla tuat,

as lehd mr kev Öla und frisst mr mei Bruat.

oder

Schlaf, Kindlein, schlaf!

Da Vater hüt die Schaf,

die Mutter hüt´die Kämmerküh,

schlaf mein Kind, bis morgen früh.

Gutenachtwünsche in Braidbach im Besengau lauteten:

Gut Nocht! Schlof dich faderich,

Mon früh komm’ ich und ropf dich.

oder

Marsch! Nei die Kammer, ufs Höfela, neis Bett.

Das Aufwecken am Morgen klang dann weniger erbauend, so z.B.

Schlafhauwa, steig auf,

sonst tun wir dich mit der Helade (Heblade) raus.

oder

Schlafhauwa, geh’ aus ‚n Bett raus,

süst beißt dich der Wanz und där Laus.

Zahlreiche sog. Reitliedchen sind überliefert. Ein Beispiel, ebenfalls aus Hendungen, aufgeschrieben 1909:

Schockela, Schockela, Weida!

´s Hährla (Großvater)fährt uf Kreida,

 fährt nei uf Mellerschtod,

eßt sich Weck un Millich (Milch) sot,

 tränkt sich (trinkt) a Gleesla Bier,

käft sich ach n Weck

und die N.N. kriegt `n Dreck.

Und natürlich spielten die Kinder auf den Gassen gemeinsam, und zwar „Fangeles“ oder „Versteckeles“ oder es wurde abgezählt.

Einige Abzählreime aus Rhön und Grabfeld:

1, 2, 3, 4, 5 ! Strick mir ein Paar Strümpf´,

nicht zu groß und nicht zu klein,

 sonst muß du der Fänger sein.

oder

1, 2, 3 ! Auf der Straße liegt ein Ei.

Wer drauf tritt, darf nicht mit.

August, spann an!

2 Bären daran,

2 Tiger voraus und du bist draus.

Gespielt wurde natürlich Ringelreihen     

Ringela, Ringela, Reiha,

´s Kätzla frißt die Kleia,

´s Gündla frißt die Kucha.

Steiga mr nauf n Hollerbusch,

schreia mr alle buff, buff, buff.

und „Blinde Kuh“                  

Sie steht an der Tür, klopft und fragt:

„Sen die Boatwüascht scho gekocht?”

Sie sen scho lang gessa.

„Nit unter die Beenk, nit ober die Beenk,

bar ich krieg wird aufgehenkt”.

Dann suchte die blinde Kuh ein Kind zu fangen.

Unbeholfen, wie nun kleine Kinder einmal sind, kommt es mitunter zu kleineren oder größeren Wehwechen. In Herschfeld sagte man einst tröstend:

Heila, heila Seng,

drei Tag Regn,

drei Tag Sunnaschein,

muss es Wewela wieder g’heilt sein.

In Salz waren folgende Sprüchlein geläufig:

Greii, Maichele, grei!

Steck die Pfeufle ei!

Steck’s nei`n Dudelsook,

dudl, dudl ‘n ganze Tog!

oder

Grein, Maichele, grein,

schteck dei Pfeufle ein!

Schtecks net su tiaf nei,

na kunnst da muan widdr grein!

Aus Wegfurt ist das Sprüchlein überliefert:

Heile heile Horn, heilt’s net heut, so heitl’s halt morn.

Sonne Sonne scheine, fahr’n wir über Bäum.

Fahr’n wir übers Gotteshaus, schauen drei Nonnen raus,

die eine spinnt Seide, die andere bind Weide,

die dritte spinnt einen rosenroten Rock

für unsern lieben Herrgott.

Kleidung: Was trugen nun einstmals die kleinen Kinder? Bis vier Jahre hatten Buben und Mädchen z.B. in Sondernau oder in Serrfeld Röckchen an, dann bekamen die Knaben leichte Beinkleider, liefen bis zum 12. Lebensjahr barhaupt (d.h. ohne Kopfbedeckung) und erhielten dann vom Firmpaten Kappe oder Hut. Die Kleider wurden von den größeren an die kleineren Geschwister vererbt. Jeder Strumpf wurde gestopft, jede Hose geflickt.

Ernährung: Man ernährte sich hauptsächlich von der Landwirtschaft, und zwar mit Milch, Brot, Kartoffeln und Kraut. „Die Nahrung wird aus dem Tier- und Pflanzenreich bezogen. Fleisch meist von selbstgemästeten Schweinen, Rindern, Schafen, Federvieh wird weniger selbst verzehrt als verkauft. Das vorzüglichste Getränk ist allenthalben das in ausreichender Menge vorhandene durchgängig gesunde Quellwasser“, wurde 1861 aus dem Bezirksamt Mellrichstadt mitgeteilt. Zu gleicher Zeit wurde aus dem Bezirksamt Neustadt/Saale berichtet: „In der Nahrung ist die Pflanzennahrung vorherrschend, und meist nur an Sonn- und Feiertagen ist damit Fleischspeise verbunden. Bei den Armen besteht das Mittagessen häufig aus Milch und Kartoffeln.“

 

 

Die Kindergartenkinder aus Fladungen zusammen mit ihren Betreuerinnen und dem Stadtpfarrer in alter Zeit.

 

Arm, aber kinderreich, so lebten einst die Rhöner. „Fünf Kinder in der Familie waren früher normal“ berichtete Günter Metz aus Schmalwasser, wo die kinderreichste Familie nach dem Zweiten Weltkrieg immerhin 16 Kinder zählte.

Mit bis zu zehn Personen in einem kleinen Zimmer und am Wintermorgen unter einer schneebedeckten Zudecke aufwachen, förderte nicht gerade die Gesundheit. Es ist also kein Wunder, dass in alter Zeit die Kindersterblichkeit mit 40 – 50 % sehr hoch war.

Aus Obereßfeld ist überliefert, dass beim Leichenbegängnis eines Schulkindes von den übrigen Schulkindern kleine Holzkreuzchen getragen und dann in den Grabhügel gesteckt wurden.

Nun, es kam die Zeit herbei, in der die Kinder zur Schule geführt wurden, und so begossen die Mütter in Ostheim schon vorher den Baum hinter der Schule, an dem die Zuckertüten und Brezeln wuchsen, fleißig mit Milch, Rahm und ausgelassener Butter, damit die Brezeln für ihre Kinder recht groß und mürbe wurden. War alles reif, dann fielen diese vom Baum und der Lehrer gab sie den erfreuten Kindern, die ihm daraufhin gelobten, stets brav und fleißig zu sein. Übrigens, das Zuckertütenfest kennt man heute noch in unseren thüringischen Nachbarortschaften.

Aus Leutershausen bei Bad Neustadt ist der Spruch überliefert:

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben,

in der Schule wird geschriewe.

In der Schule wird gelacht,

bis der Lehrer bitsch-batsch macht.

Au, Herr Lehrer, das duet weh.

Morgen komm ich nimmer her.

Übermurche bin ich da,

aber mit mei’m Großpapa.

Großpapa is a net dumm,

dräht dem Lehrer es Schtäggele um.

Kinderbrauchtum im Jahreslauf

Das Jahr war einst insbesondere für die Kinder angefüllt mit zahlreichem Brauchtum. Aus Frankenheim ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts überliefert: An Neujahr gehen die Kinder zu den Verwandten und Nachbarsleuten und wünschen das neue Jahr an mit folgenden Worten:

Ich wünsch Euch a glückseliges neues Joahr,

lass’ a Zwickla in mei Töscha (Tasche) foahr!

Das „Zwickla“ war ein eirundes Backwerk.

In Rödelmaier bekamen Tauf- und Firmpaten am Neujahrstag Geschenke, nachdem sie folgenden ortsüblichen Spruch aufgesagt hatten:

„Ich wünsch Euch a glückselig’s neues Joahr,

dass ihr noch lang lat und gsund bleit.“

Aus dem Besengau ist folgender Neujahrsspruch überliefert:

Prost Neujohr! Lass mich a mol nei die Töscha fohr.

In Saal war es üblich, dass der Pate dem Kind an Neujahr einen sechs Pfund schweren Brezel, dazu Nüsse, Äpfel und ein Kleidchen kaufte.

In Hendungen waren „Dödlestage“, d.h. Tage an denen der Pate sein Patenkind bis zum Alter von sieben Jahren einzuladen und zu bewirten hatte, Neujahr, Ostern, Pfingsten und an der Kirchweih.

Noch heute versammeln sich in Irmelshausen im Milzgrund nach dem Neu­jahrsgottesdienst die Dorfkinder im Gutshof, wünschen der Gutspächterfamilie ein frohes neues Jahr, singen traditionelle Lieder und musizieren. Nach der Vorführung überreichen die Gutspächter als Belohnung jedem Kind ein Brot, das sog. Glücksbrot. Das Brot soll Gesundheit und Glück bringen. Es ist anzunehmen, dass das Brot ursprünglich bei einer Hungernot von den Schlossherren verteilt wurde. Da jedoch das Schloss zeitweise und gerade im Winter nicht bewohnt war, übertrug man diese Aufgabe dem Gutspächter.

Die Dreikönigssänger von Heustreu 1959. Das Foto ist der 2007 erschienenen Chronik von Heustreu entnommen.

Am 1. Januar und am Dreikönigstag zogen in Heustreu Buben der Oberstufe als Dreikönigssänger von Haus zu Haus. Außer den drei Weisen gehörten zum Zug ein Sternsinger (er trug einen goldenen Stern) und vier behelmte Diener, von denen zwei mit Spießen bewaffnet waren, während die beiden anderen mit ihren Sammelbüchsen die Geldspenden in Empfang nahmen. Die Spenden waren für kirchliche Zwecke, z.B. den Kirchenbau, bestimmt.

Am Dreikönigstag (6. Januar) ist vor allem in katholischen Gegenden auch heute noch Sitte C + M + B sowie die jeweilige Jahreszahl über die Tür zu schreiben. Die Formel meint ursprünglich: Christus mansionem benedicat - Christus, segne dieses Haus. Nach dem Volksglauben bleibt so das Übel ein gan­zes Jahr lang diesem Hause fern. Früher sammelten die Sternsinger die milden Gaben für sich selbst. Ein Sprüchlein, das mancherorts noch bekannt ist, erinnert daran:

Ich bin ein kleiner König, gebt mir nicht zu wenig.

Lasst mich nicht zu lange stehen,

ich muss ein Haus noch weitergehen!

Am Lichtmesstag wurden die Kinder von Rödelmaier in die Kirche gebracht, um „geblaselt“ zu werden, d.i. den Blasius-Segen mit geweihten Kerzen zu empfangen. So nach Lichtmess wurde es in den Unterweißenbrunner Gassen lebendig. Kinder vermummten sich mit alten Kleidern, setzten eine hölzerne Maske auf, nahmen eine Peitsche oder lange Rute in die Hand und stürmten auf die Gasse. Hier wurden die ulkigen Gestalten mit ihren dicken, mit Stroh ausgestopften Bäuchen und Buckeln von den anderen Kindern verspottet und gehänselt. Von Generation zu Generation hat sich folgender Spottvers vererbt.

Aalhex, Grommelöich, Kleierscheißere, Missgeburt.

Das heißt hochdeutsch ungefähr: Alte Hexe, Geronnenemilchhur, Kleiescheißere, Missgeburt.

Ein sicherlich in Unterfranken und darüber hinaus einmaliger Brauch, dessen Wurzeln in uralter Zeit liegen, hat sich in Ottelmannshausen im Grabfeld er­halten: Der Umzug der „Pättärschbuawa“ (Petersbuben) mit ihrem Pflüglein in der Fastnachtszeit. Beim „Ottelmannshäuser Pflügla“ handelt es sich um ein originelles 26 cm hohes und 50 cm langes Pfluggespann, das auf einem 80 cm langen Brett befestigt ist. Das Jetzige wurde um 1820 angeschafft. Die zwei Oberministranten und zwei weitere Begleiter sprechen bei ihrem Dorfrundgang vor jedem Anwesen folgendes überlieferte uralte Sprüchlein:

Da kommen die Petersbuben mit ihrem Pflug,

sie wollen naus'n Acker fahr

und haben weder Seech noch Schaar.

Drum lasst es Euch nicht verdrießen

einige Batzen auszuschießen.

Eins! Zwei! Drei!

Was Euer guter Wille mag sei!

Nach erhaltenen Geldgeschenk sprechen sie beim Weggang artig:

Wir danken schön für diese Gabe,

Die uns Gott bescheret hat!

Der Umzug war in alter Zeit jedoch nicht nur auf Ottelmannshausen beschränkt. Um die Mitte des vorigen 19. Jahrhunderts trugen die Jungen in Bischofsheim v.d. Rhön und im benachbarten Oberweißenbrunn am Peterstag ebenfalls einen kleinen Pflug auf einem Brett von Haus zu Haus und sangen dabei gabenheischend ein ähnliches Lied. Dies sollt den Bauersmann daran erinnern, dass es bald Zeit sei, seinen Pflug zur Bestellung der Frühjahrssaat herzurichten.

Der Umzug der Petersbuben in Ottelmannshausen, 1930 fotografiert von Lehrer Eusebius Huthöfer.

Nun kam die tolle Fastnachtszeit. Vor über hundert Jahren wurde in Hendungen über Fastnachtsbräuche festgehalten: „Fastnacht - Kinder werden ganz primitiv maskiert, gehen mit einem Täschchen zu Verwandten und Bekannten und sagen:

Ich bin ein kleiner König,

gebt mir nicht zu wenig,

lasst mich nicht zu lange steh’n,

ich will noch ein Häuschen weitergehn.

Kröpfe raus, Kröpfe raus

oder ich schloch e Loch ins Haus.“

In Bastheim zogen einst die Kinder am Fastnachtssamstag maskiert von Haus zu Haus. Zur Vermummung dienten hauptsächlich alte Trachtenstücke. Ein Junge war als Bräutigam, ein anderer als Braut verkleidet. Sie kündigten den Fasching wie folgt an:

Heute um 9 Uhr 59 Minuten 59 Sekunden

beginnt die Aufführung vom Prinzen Karneval.

Hierauf bekamen die Kinder Krapfen und später auch ein paar Pfennige in ihre Kütze. Die ‚Fosenöchter’ liefen zumeist schon am Montagfrüh im Dorf herum. Sie hatten das Recht, alle, die nicht verkleidet waren, zu verhauen. Oft musste der Lehrer mit den kleineren Schülern nach Hause gehen, um sie auf der Straße vor den Unholden zu schützen. Die größeren Schüler aber waren frech und neckten die Maskierten, die ja wegen ihres Aufzugs nicht so schnell springen konnten.

Oschelecker, Dalerlecker,

beiße dich die Guenser!

lautete so ein Neckreim.

Aus dem Bad Neustädter Stadtteil Herschfeld ist überliefert: „An Fasching gehen maskierte Kinder von Haus zu Haus mit dem Vers:

Lustig is die Fosenacht,

wenn mei Muttr Kröpfli backt,

wenn sa aber kena backt,

pfeif i auf die Fosenacht.

oder

Ich bin a armer Sünder,

hob 99 Kinder,

gebt mr einen Groschn,

dann halt ich meine Goschn.“

Wenige Wochen nach der „Foosenacht“ gab es einen weiteren Tag im Jahreslauf, an dem die Kinder im Mittelpunkt standen – der 1. April. Noch 1909 war in Hendungen folgender Aprilscherz üblich: Am ersten und letzten Apriltag wurden die kleinen Kinder zum Kaufmann geschickt und sollten für 5 Pfennig „Krabbeldiewändenauf“ oder eingemachte „Kahlerschtreppe“, „Hutzel und Flickschnür“ oder „Fensterschieben“    holen. Sie kamen mit leeren Händen zurück und wurden Aprilnarr genannt. Wenn sie „Owiedumm“ holen sollten, dann heißt es bei der Rückkehr: „o wie dumm bist du!“ Ähnlich verhielt bzw. verhält es sich ja mit dem Bratwurstmaß.

So wurde und wird in Bad Königshofen und dem Grabfeld an Schlachttagen ein Junge oder ein Mädchen zum Nachbarn oder zu Verwandten geschickt, um „Bratwurstbendel“ oder das „Bratwurstmaß“ zu holen. Während der Erweisung von Zärtlichkeiten wird dem ahnungslosen Boten das Gesicht geschwärzt. Dann legt man ihm einen Sack auf die Schulter, in dem Hutzeln, Nüsse, Zucker, Steine, Kartoffeln, Holzstücke, Äpfel etc. sind, und schickt ihn damit heim, wo er herzhaft ausgelacht und auch aufgeklärt wird.

Apropos Schlachten. Ein Schlachtfest auf dem Dorf war schon immer etwas Besonderes, an dem insbesondere die Dorfjugend teilhaben wollte. Aus Haselbach ist folgender Heischespruch überliefert:

Ich hab g’hört ihr hätt’ geschlacht

und hätt’ recht viele Wörscht gemacht,

große und kleine, seid so gut und gebt mir eine,

oder ein Stück Speck, dann geh’ ich gleich wieder weg

Kinder toben sich in den Straßen Mellrichstadts

um 1900 aus.

Eine besondere Freude für die Kinder war am letzten Tag vor den Osterferien, dass der Lehrer die von ihnen in die Schule mitgebrachten Eier im Schulhaus und „dröm röm“ suchen musste. Die Herkunft des Brauches ist darin zu suchen, dass der „Schulmäster“ früher zusätzlich Organist und Mesner war. Zu den Einkünften des Lehrers von Memmelsdorf/Ufr. als Cantor und Or­ganist gehörte z.B. u.a. das Einsammeln von Ostereiern bei al­len Familien der Pfarrei. Ab 1823 erhielt er anstatt die­ser Natu­ralsammlung jährlich eine Entschädigung von der Gemeinde. Aus dem Jahre 1802 ist aus dem thüringischen Milz überliefert: „Die älteren Schulknaben von Milz erfechten sich durch Umsingen am Gründonnerstag Eier, die sie mit dem Schullehrer zu teilen haben.“

Am Tage vor Gründonnerstag bauten die Kinder in Großbardorf in den Scheunentennen einst Nestchen aus Stroh oder Heu, weil da, so hieß es, der Storch kam und seine Ostereier legte. Am Gründonnerstag in aller Frühe kamen die Kinder und nahmen die Nester aus. Ein Osterstorch kam einst u.a. auch in Hendungen, Herbstadt, Großbardorf, Rothau­sen, Sulz­feld, im Milzgrund und in der Ostheimer Gegend. Bis auf Irmelshausen und Ostheim ist die Oster­storch-Sitte heute weitgehend verschwunden.

1908 wird aus Königshofen berichtet: „Am Gründonnerstag wäscht der Ortsgeistliche 12 weißgekleideten Kindern im Alter bis zu drei Jahren die Füße. Jedes Kind bekommt einen Brezel und an einem Stecken ein Stück Oblaten.“

Wir klippern und klappern für's heilige Grab ...

Seit Kaiser Karl dem Großen (um 800) werden nach dem Ende des Glo­ria in der Gründonnerstags­messe Or­gelklang und Glockenläuten zum Zeichen der Trauer und Wehmut um den Kreuzestod Christi eingestellt. Sie schweigen bis zum Anstimmen des Gloria in der Osternacht. Der Volks­mund meint, dass die Glocken jetzt Christi Tod be­trauern, ihren Turm verlassen, nach Rom fliegen und den Segen des Heiligen Vaters empfangen. Früher wurden die Glocken­seile zusammengebunden, damit niemand in Versuchung kam.

Die Klapper, Ratsche oder Rumpelkasten, wie das Lärminstrument bei uns genannt wird, erhielt ihren Namen wohl wegen ihres lei­ernden und klappernden Geräusches. Die meist vom Dorfschreiner hergestellten Klappern sind oft Hunderte von Jahren alt und werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Und auch die Sprüche sind uralt, die die Kinder bei ihrem lärmenden Rundgang durch das Dorf aufsagen. So lautet z.B. einer:

„Dies ist der englische Gruß, den jeder Christ beten muss!“

Beim Eiersammeln am Karsamstag lautet der Heischespruch:

„Wir klippern und klappern für's heilige Grab

und bitten um eine milde Gab'„.

Am Karsamstag wurde auch das Judasfeuer entzündet. Wie es in alter Zeit war, schilderte Lehrer Philipp Greßer aus Aub 1923: „Am Schluss der Nachmittagsandacht an Karfreitag sammeln die Buben von Haus zu Haus Holz und Reisig­wellen zum Judasfeuer für den nächsten Tag. In aller Frühe schon bei Dun­kelheit, schleppen die Buben das Holz auf den freien Platz vor der Kirche und legen Feuer an. Im Lauf des Abends ist die Auferstehungsfeier mit Umgang im Dorf“.

In zahlreichen Orten in Rhön-Grabfeld kam und kommt am Ostersonntag der „Oisterhos“. Am Abend vor dem Zubettgehen richten die Kinder ein Körbchen oder eine Schachtel, die mit Gras oder Holzwolle ausgelegt wird und stellen sie dem Osterhasen bereit. Die günstigste Lage ist der Garten oder irgendwo im Hof oder der Scheune. Am Abend des Ostersamstags muss jeder sein Nest fertig haben. Der Osterhase muss bis zum Morgengrauen des Sonntags sein Geschäft erledigt haben. Am Morgen in aller Frühe werden dann die Nestchen gesucht. Früher bekamen die Kinder ein oder zwei Eier, etwas Gebäck und Süßigkeiten und wenn sie besonders brav waren, einen gebackenen Osterhasen.

Warum der Osterhase vielerorts die Eier legen darf, berichtet ein 1934 aufgeschriebener Oster-Kinderreim aus Nordheim vor der Rhön:

Es ist Ostern, der Heiland steht auf.

Es ist Ostern, ihr Kinder, drum merket wohl auf:

An Ostern wird’s helle, der Heiland steht auf,

der Storch muss noch schweigen;

jetzt klappert der Has, er legt uns die Eier fast unter die Nas.

Er möcht sich verstecken, doch in seiner Not

 legt er in die Ecken, selbst in die Kommod.

Und als nun der Heiland vom Grab wollt erstehn,

da hat ihn das Häslein am ersten gesehn.

„Weil du zuerst bis kommen ohn Frucht und ohn Scheu,

darum darfst auch legen an Ostern ein Ei.“

Im Schmalwasser im Salzforst war einst folgender Brauch anzutreffen: Beim Kirchgang am Ostersonntag haben die Buben ein oder zwei Ostereier zum „Köpfe“ in der Tasche. Daheim hatte man schon die besten „Köpfäicher“ ausgesucht. Einer fordert den anderen heraus, dann wurden die Eier mit der Spitze aufeinander geschlagen. Derjenige, dessen Ei ganz blieb, gewann vom anderen das Ei, das meist gleich verzehrt wurde.

Kinderarbeit in alter Zeit war nichts Außergewöhnliches – sei es beim „Holzmachen“ (oben) oder beim Hüten auf der Weide (unten) .

Nach so viel Essen, Feiern und Freuden musste natürlich auch gearbeitet werden. So hatten die Kinder einst zahlreiche Arbeiten in Haus und Hof zu erledigen, wie z.B. das Kühe- oder Gänsehüten. In Salz bei Bad Neustadt vertrieb z.B. einst folgendes Spiel die Langeweile beim Gänsehüten im Frühling.

Zu Beginn des Spiels wurde ein Knabe so weit weggeschickt, dass er die zurückbleibende Gruppe nicht mehr beobachten konnte. Ein Knabe schnitt nun mit einem Taschenmesser ein Stück Rasen etwa so groß wie ein Kreisel („Kreisela“) aus und passte dieses genau in das entstandene Loch wieder so ein, dass von der Schnittspur des Messers und von etwa zerdrücktem Gras nichts mehr zu sehen war. Waren so alle verräterischen Spuren vom ausgeschnittenen und wieder eingesetzten „Kreisela“ ausgetilgt, so maß er bei geöffneter Klinge mit seinem Taschenmesser nach einer beliebigen Richtung drei Spuren („Schpuan“) ab und steckte das Messer am Ende der dritten Spanne in den Rasen. Dann wurde der Knabe zurück gerufen und mit dem Reim empfangen:

Ri, Ra Riesela, drei Schpuan vor Kriesela, es zwee, drei, war muss sei?

Nun maß der Sucher von der Stelle, wo das Messer stak, drei Messerspannen nach einer Richtung, in der er das Kreisela vermutete. Kam er beim Suchen in bedenkliche Nähe, so trafen die Mitspieler bereits Anstalten zu fliehen, was den Sucher in der Annahme bestärkte, dass er annähernd in der richtigen Richtung suchte. Hatte er das „Kreisela“ gefunden, rief er sofort „Halt!“, so dass die anderen nicht weiter fliehen konnten. Mit dem Kreisel warf er nun nach dem Nächststehenden. Traf er ihn, so musste dieser beim nächsten Spiel Sucher sein.

Doch nicht nur das Gänse- und Viehhüten stand für die Kinder einstmals auf der Tagesordnung. Im Wald mussten Pilze und Beeren, insbesondere Heidelbeeren gesammelt werden. Aus Lebenhan ist folgendes Lied „Zur Heidelbeerzeit“ überliefert:

Komm ich vo de Hädelbeer, ho mei Höfela halwer leer.

Sogt mei Mutter: „Wo senn de Beer?“

Sog ich: „Ich hob se gfresse!“

Nömmt mei Voddr (Mutter) doe Ofegobl,

schlöcht mich auf mein dörre Schnobl.

Troch ich se neis Herrleshaus, schlöcht mer’s Herrla

a Gaggela aus mit de Berkeruate, dass mei Zeelich bluate.

Fortsetzung s. Teil II




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