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Reinhold Albert                                 Sternberg, im Februar 2009

Kreisheimat- und Archivpfleger

 

 

Feldgeschworene wahren uralte Tradition

 

Nachdem die Bewirtschaftung von Grund und Boden von den Markgenossenschaften unter Aufteilung zunächst als Nutzungsrecht, nach der Völkerwanderungszeit (um 350 – 600 n. Chr.) zum Alleineigentum an einzelne Sippen überging, bestand ein erhöhtes Interesse, die Grenzen der einzelnen Besitzstände erkennbar zu machen und zu sichern. Erst waren es natürliche Zeichen, wie Bäume, Wasserläufe, Bodenerhebungen und ähnliche Merkmale im Gelände, welche die Grenzen bezeichneten.

Mit der fortschreitenden Parzellierung des kultivierten Bodens kamen künstliche Grenzmerkmale wie Hecken, Zäune oder Steinhaufen in Gebrauch. Später setzte man auch Pfähle und schließlich Steine in den Boden. Damit wurde aber auch eine Grenzbeaufsichtigung notwendig, denn es war das Bestreben, die einmal gesetzten Grenzzeichen zu erhalten.

Im Hochstift Würzburg entstanden bereits im 13. Jahrhundert die Mark-, Schieds- oder Feldgerichte. Sie hatten die Aufgabe, Grenzen abzumarken, Grenz- und Feldfrevel zu rügen und zu bestrafen sowie Grenzstreitigkeiten zu schlichten. War eine Grenze strittig, wählte jeder der beiden Kontrahenten zwei Personen seines Vertrauens; diese vier mussten einen Schiedsspruch fällen. Schließlich bestellte man zu diesen Feldgerichten tüchtige und gut beleumundete Bauern, Männer des Dorfgerichts und der Gemeinde. Hieraus entwickelte sich die Einrichtung der Feldgeschworenen.

Ihre Ordnung und Satzung erhielten die Feldgeschworenen von der Obrigkeit. In vielen Gemeindearchiven unserer Heimat befinden sich 1584 von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn erlassene Steinsetzerordnungen, so z. B. in Obereßfeld oder in Herbstadt. Da in den einzelnen Gemeinschaften je vier oder sieben Männer als Feldgeschworene berufen wurden, nannte man sie „Vierer“ oder „Siebener“ - eine Bezeichnung, die neben den Ausdrücken „Grenzschieder“, „Märker“ oder „Umgänger“ heute noch üblich ist.

Diese Echter’sche Steinsetzerordnung  wurde zum Teil den dörflichen Verhältnissen angepasst. So ist aus dem Grabfeld aus dem Jahre 1585 eine recht drastische Strafe für Steinfrevel eingefügt: „Wer einen Markstein wissentlich ausgrabet, den soll man in die Erde graben bis an den Hals und soll dann vier Pferd, die des Ackers nit gewohnt sein, an einen Pflug spannen, der neu sei und sollen die Pferd solang ackern, bis sie ihm den Hals abgeackert haben!“ Diese Strafandrohung dürfte sicherlich ihre Wirkung nicht verfehlt haben. Zur Anwendung kam sie meiner Kenntnis jedoch nie.

 

 Vermessung in alter Zeit in Wülfershausen/Saale

 

Geschworene gelten als Vertrauensleute

Die Geschworenen galten neben dem Bürgermeister und dem Pfarrherrn als Vertrauensleute der Gemeinschaft. Die Besten waren für diese Aufgabe gerade gut genug. So stellten die Siebener in der Gemeinschaft eine charakterliche Auslese dar - sie waren die Elite des Bürgertums. Ohne Liebe zu diesem Amt war und ist es schlecht bestellt.

Ein Bewerber musste im Ort geboren und zehn Jahre Gemeindebürger sein. Während dieser Zehnjahresfrist sollte sich zeigen, ob er nicht ein „rachsüchtiger und unverschämter Erdenwurm“ sei, kein Säufer, Spieler, Streiter und Schwärmer. Er musste ruhig und gelassen sein und die Grenzen seines Nachbarn in Dorf und Feld stets anerkennen. Weiter hatte er einen guten Haushalt zu führen,  sein Eigen auf rechte Weise zu mehren und musste rechnen und schreiben können.

Wenn der solcherart ehr- und sittsame Bürger für würdig befunden wurde, konnte er zum Feldgeschworenen berufen werden und hatte vor dem jeweiligen Hoheitsträger, meist im Beisein der Gemeindeangehörigen, den heiligen Eid - den „Stainsetzer-Eydt“ - zu leisten, der u.a. wie folgt lautete: „Ich soll und will nach meinem besten Verständnis und getreulich entscheiden und richten, wie es das Gewissen ausweiset, niemand zu Lieb und Leid, weder um Freundschaft noch Feindschaft, um Gab und Geschenke, dem Armen als dem Reichen, dem Reichen als dem Armen, wie ich solches am Jüngsten Tag vor Gericht getreu verantworten will. Ich will auch die Heimlichkeiten, so mir von den Mitgesellen wird geoffenbaret niemand sagen, sondern mit mir in meine Grub bringen. Also helfe mir Gott und seine Heiligen.“

 

Die Siebener aus Sulzdorf und Untereßfeld beim gemeinsamen Flurumgang 1994 in Brennhausen.

 

Siebenergeheimnis

Nach dem Eid erfuhr der frischernannte Feldgeschworene durch seine Mitgesellen eine eingehende Belehrung über die technischen Aufgaben und natürlich über das Siebenergeheimnis, das nur Feldgeschworene kannten und das von Mund zu Mund überliefert wurde und wird. Schriftliche Aufzeichnungen hierüber zu fertigen, ist strengstens untersagt.

Nach der feierlichen Einführung in dieses Geheimnis konnte der Feldgeschworene seines Amtes walten. Über die Amtshandlungen waren Protokollbücher zu führen, deren älteste Ausgaben in Unterfranken aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen. Vielfach würdevoll in Schweinsleder gebunden, manchmal nur in einfachem Karton, enthalten sie in der Regel die Ordnung und Satzung der Feldgeschworenen, außerdem die oft recht ausführlichen Bestimmungen von Gemarkungsumgängen und der dabei wahrgenommenen und abgestellten Mängel in der Vermarkung.

Natürlich berichten diese Bücher ebenso von Grenzstreitigkeiten und deren Beilegungen, von Rügen und Bestrafungen wegen Feld- und Grenzfrevels oder von angelaufenen Gebühren für die Amtshandlungen. Auch die einzelnen Dorfordnungen enthielten Bestimmungen, wie die Grenzen zu beachten waren.

Zum Vermessungstermin erschienen die Feldgeschworenen früher in altfränkischer Kleidung - einem Gehrock ähnlich, häufiger aber mit großen „Radmänteln“. Zu ihrer Ausrüstung gehörte stets ein Bund Fluchtstäbe, rot-weiß-rot gestrichen, und der unerlässliche Spieß, der zum Aufsuchen verdeckter oder eingewachsener Grenzzeichen diente.

 

Der Grenzumgang

„Gleichwie man eines Menschen Gedächtnis durch ein Grab oder einen Grabstein zu erhalten thut, also werden auch die Gräntzen durch die gesetzt Stein und aufgerichte Markung in ständ erhalten!“ So schließt eine alte Handschrift im Pfarrarchiv von Sternberg im Grabfeld. Hierin wird dazu aufgefordert, die Grenze „...fleißig zu beschreiben, in Acht zu nehmen und im Gedächtnis zu erhalten, damit die Marksteine nicht durch die Lenge der Zeit oder andere Zufäll können in Abgang kommen, verändert oder verdunkelt oder gar verloren werden!“

Auch heute noch handelt man nach dieser Weisung. Die Feldgeschworenen gehen von Zeit zu Zeit die Grenzen ab, sehen die Marksteine nach, legen verwachsene frei. Alle drei Jahre hatte einst ein gemeinsamer Grenzgang zu erfolgen. Den Umgang mit der Dorfjugend und interessierten Ortsbürgern kennt man schon lange nicht mehr. Hin und wieder lebt dieses alte Brauchtum in letzter Zeit aber wieder auf, wie z.B. 2005 in Wargolshausen.

Bis ins 19. Jahrhundert fand der Umgang jährlich ein- bis zweimal, in einzelnen Gemeinden in Zwischenräumen von zwei und mehr Jahren statt. In der Obereßfelder Dorfrechnung des Jahres 1599 ist ein zwei Tage währender Flurumgang bezeugt, bei dem die vier geschworenen Steinsetzer, der Schultheiß und die zwei Dorfsmeister zur Herbstzeit die Markung besichtigten und überprüften, ob die Ortsnachbarn nicht über ihre Grenze geackert hatten.

Über die Grenzumgänge in unserer Gegend ist überliefert („Bavaria, Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern, Teil Unterfranken): „Am Morgen des von der Gemeinde einige Zeit vorher festgesetzten Tages versammeln sich die Gemeindeglieder und begeben sich, häufig zu Pferd, unter dem Geläute der Glocken vor das Dorf hinaus, wo der Pfarrer ihrer harrt und sie mit einer Anrede empfängt. Nach erteiltem Segen beginnt der Umgang.“ Beim Flurumgang war folgende Reihenfolge vorgesehen: An der Spitze ging ein Flurer mit einer Fahne, dann kam der Feldgeschworenenobmann, dahinter die übrigen Siebener. Es folgte die Musikkapelle, dahinter der Bürgermeister, die Gemeinderäte, die Bürger, dann die Schulkinder und schließlich die sonstigen Einwohner („Tropfhäusler“). In vielen Gemeinden mussten sich an dem Umgang neben der Dorfjugend auch die Flurschützen, Waldaufseher, Schäfer und Hirten beteiligen.

Bei der ersten Teilnahme eines neuen Feldgeschworenen erhielt dieser vom Ortsobmann der Nachbargemeinde ein Sträußchen Wiesenblumen angesteckt, zum Zeichen, dass er in die Gemeinschaft aufgenommen war. Der Neuling hatte ein Fass Bier zu spendieren, das nach dem Grenzgang in der Dorfgaststätte ausgetrunken wurde.

An jedem Markstein, auf welchen der Zug traf, wurde Halt gemacht und derselbe untersucht. Hierbei wurde unter die Dorfjugend ein kleines Geldstück mit einigen Nüssen und dergleichen ausgeworfen, nach welchen diese haschte. Der Gewinner des Geldstücks erhielt von dem Ältesten der Siebener eine handfeste Ohrfeige mit den Worten: „Merk dir's“, worauf sich der Zug nach dem nächsten Markstein weiter bewegte.

Nachdem alle Marksteine auf diese Weise umgangen waren, kehrte der Zug unter Glockengeläute ins Dorf zurück. Zum Abschluss folgte in der Regel im Gemeindewirtshaus ein  gemeinsamer Umtrunk der Teilnehmer auf Kosten der Gemeinde.

Es gab jedoch nicht nur nach dem gemeinsamen Umgang eine Zehrung, sondern auch nach jeder Amtshandlung der Siebener das Jahr über. So ist aus Aubstadt überliefert, dass die Entlohnung aus einem Wirtshausessen bestand. Allerdings waren hier insofern Grenzen gezogen, als „überflüssige, notwendige und unziemliche Zehrung“ von den Geschworenen aus eigener Tasche zu begleichen war. Ausgiebig getrunken wurde von den Feldgeschworenen nach Amtshandlungen in der Gemeindeflur früher übrigens in allen Orten.

Die jährlichen Tagungen der Feldgeschworenen im Landkreis Königshofen gibt es übrigens seit dem Jahre 1900. Es ist überliefert: „Zur Besprechung der Bestimmungen des neuen Abmarkungsgesetzes vom 30. Juni 1900 fand am 24. Februar in Königshofen eine vom königlichen Bezirksamte einberufene Versammlung der Feldgeschworenen statt, an welcher auch viele Bürgermeister und Gemeindeschreiber teilnahmen. Man beschloss, alljährlich eine Zusammenkunft der Feldgeschworenen zum Austausche ihrer gegenseitigen Erfahrungen an einem Orte des Bezirkes zu veranstalten.“

Indem die Feldgeschworenen ihre ehrenvolle Aufgabe im Gemeinwesen versehen, wahren sie altes Brauchtum. Sie verkörpern das älteste, noch erhaltene Ehrenamt kommunaler Selbstverwaltung. Aus dieser Aufgabe heraus hat sich das Leitwort der Feldgeschworenen geprägt:

 

„Tue recht, fürchte Gott und scheue niemand!“

Feldgeschworenentagung des Altlandkreises Königshofen

in Sulzdorf 2009.




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